Die Stadt Szczecin spielt seit Jahrhunderten eine sehr wichtige Rolle für die Region beiderseits der Oder. Als größte Stadt der Region und zugleich als Hauptstadt der Wojewodschaft Zachodniopomorskie erfüllte Szczecin verschiedene Funktionen für die Einwohner dieses Raumes, die sie aber nach 1945 nur eingeschränkt wahrnehmen konnte. In den vergangenen Jahrhunderten profitierte die Stadt Szczecin von ihrer verkehrsgünstigen Lage an der Ostsee (u.a. als Mitglied der Hanse) sowie von ihrer räumlichen Nähe zu Berlin. Im Vorfeld des EU-Beitritts von Polen beauftragte der Regionale Planungsverband Vorpommern die Erarbeitung eines Gutachtens zur Klärung der Frage, in welchem Maße der Großraum Szczecin mit seinen ca. 415.000 Einwohnern auch für den deutschen Grenzraum zentralörtliche Funktionen übernehmen kann. Das Gutachten ist Teil des Interreg IIIb-Projektes South Baltic Arc und befasst sich vorrangig mit den grenzberschreitenden Verflechtungen zwischen der Stadt Szczecin und: 1. den zwei Oberzentren Stralsund/Greifswald bzw. Neubrandenburg; 2. den Städten Stargard Szczecinski und Swinoujscie auf polnischer und 3. den grenznahen Mittelzentren Anklam, Pasewalk, Ueckermünde und Wolgast auf deutscher Seite. Die South Baltic Arc Region erstreckt sich von Schleswig-Holstein über Mecklenburg- Vorpommern und Polen bis in das Baltikum. Der Untersuchungsraum liegt somit im Herzen dieser strategischen Entwicklungszone im Ostseeraum mit besonderer Bedeutung fr die transnationale Verknüpfung der einzelnen Teilräume.
Der Untersuchungsraum. Der deutsche Teil des Untersuchungsraums zählt(e) innerhalb der Europäischen Union der 15 Staaten zu den strukturschwächsten Räumen und ist dementsprechend bis 2006 Ziel 1-Fördergebiet. Der polnische Grenzraum liegt gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Kaufkraftstandards (2000) noch weit unterhalb der Werte von Mecklenburg-Vorpommern, so dass die Ausgangsbedingungen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung als schwer einzustufen sind. Die Strukturschwäche innerhalb dieser Grenzregion macht sich insbesondere auf dem Arbeitsmarkt sehr negativ bemerkbar. So lagen die Arbeitslosenraten im Monat Mai 2004 für Mecklenburg-Vorpommern bei 19,9 % und für die Wojewodschaft Zachodniopomorskie bei 27,6 %. Als weiteres negatives Kriterium wird häufig die geringe Industriedichte in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere im grenznahen Raum genannt. Demgegenüber verfügt der Untersuchungsraum jedoch über großflächige unzerschnittene Naturräume, die ein wesentliches gemeinsames Merkmal der beiden Teilräume auf der polnischen und deutschen Seite darstellen. Hierzu zählen zum Beispiel die Oderlandschaft sowie das Stettiner Haff, die neben der attraktiven Ostseeküste sowie der Mecklenburger Seenplatte und der Draskower Seenplatte ein wichtiges Potenzial für eine gemeinsame touristische Entwicklung sind. Die verkehrlichen Hauptanknüpfungspunkte zwischen den beiden Teilräumen sind die Grenzübergänge Pomellen an der A 11 sowie Linken/Lubieszyn an der B 104. Eine neue Dynamik für den grenzüberschreitenden Verkehr zwischen dem Raum Ostmecklenburg/Vorpommern und der Stadt Szczecin kann sich durch die Fertigstellung der A 20 im Jahre 2005 ergeben. Auf der deutschen Seite des Untersuchungsraumes kennzeichnen drastische Bevölkerungsverluste die Entwicklung in den Ober- und Mittelzentren aufgrund von Stadt-Umland-Wanderungen sowie Abwanderungen in die alten Bundesländer. Auf der polnischen Seite zeichnen sich diese Tendenzen nicht so stark ab - zwischen 1990 und 2003 hat Wojewodschaft Zachodniopomorskie und die Stadt Szczecin nur einen leichten Rückgang der Einwohnerzahl erlebt. In den Bereichen Arbeitsmarkt/Pendler, Wirtschaft, Einzelhandel/Einkaufen, Tourismus Städte- und Hochschulpartnerschaften sind Verflechtungen unterschiedlichen Grades festzustellen. So gilt z.B. für den Bereich Wirtschaft, dass sich Kooperationen in der Grenzregion in erster Linie in den Bereichen Bauwesen, Maschinenbau, Metallverarbeitung, Holzverarbeitung und Textilindustrie entwickeln; Kooperationen im Sinne einer Zusammenarbeit von deutschen und polnischen Unternehmen in einer gemeinsamen Wertschöpfungskette sind dabei in der Minderzahl. Positiv erwähnt seien die zahlreichen Städtepartnerschaften bzw. freundschaftliche Verbindungen zwischen Kommunen aus dem Raum Ostmecklenburg/Vorpommern und aus der Wojewodschaft Zachodniopomorskie.
Konzept. Im Rahmen eines gemeinsamen Workshops in der Hansestadt Greifswald am 20.08.2004 wurden 5 Szenarien mit Vertretern des Marschallamtes der Wojewodschaft Zachodniopomorskie, des Ministeriums für Arbeit, Bau und Landesentwicklung M-V, der Stadt Szczecin sowie der Planungsregion Vorpommern diskutiert: 1. Eine gemeinsame Region Szczecin / Vorpommern (Szenario I); 2. Eine getrennte Region mit einem regionalen Zentrum Szczecin (Szenario II); 3. Eine zweckmäßige Region in der die Grenze in Einzelbereichen durchlässig ist (Szenario III); 4. Eine Doppelagglomeration Berlin-Szczecin (Szenario IV); 5. Das pommernsche Dreieck entlang der Ostseeküste (Szenario V). Ziel der Veranstaltung war einen Konsens über die zukünftige Entwicklung im Untersuchungsraum herbeizufhren. Von allen Seiten wurden folgende übergreifende Ziele begrüßt: 1. Stärkung der grenzüberschreitenden Verflechtungen, 2. Verknüpfung der Teilräume in der South Baltic Arc Region, 3. Abbau von Disparitäten und Mentalitätsunterschieden, 4. Zusammenarbeit der Akteure. Der Raum Ostmecklenburg/Vorpommern strebt zusammen mit der Stadt Szczecin sowie den grenznahen Räumen der Wojewodschaft Zachodniopomorskie bis in das Jahr 2020 entsprechend dem Szenario I die Entwicklung einer gemeinsamen Region an. Eine wichtige Voraussetzung für dieses Ziel ist u.a. die positive Entwicklung des Ostseeraums zu einem wichtigen europäischen Wirtschaftsraum. Die Entwicklung einer gemeinsamen Region bis in das Jahr 2020 ist ein Ziel, das nur über kleine Zwischenschritte erreicht werden kann. Als ein wesentliches Etappenziel wurde hierfür die Zweckgemeinschaft (Szenario III) erachtet, da diese auf bereits bestehende Verflechtungen sowie deren Intensivierungen aufbaut und die Potenziale im Grenzraum nutzt.
Die gemeinsame Region. Das Szenario I geht von einem intensiven grenzüberschreitenden Verbund von Kooperationen und Netzwerken mit einem starken überregionalen Wirtschafts- und Dienstleistungszentrum Szczecin aus. Die Städte Neubrandenburg, Stralsund-Greifswald, Swinoujscie, Stargard Szczecinski und Police stellen die Regionalen Zentren in der Grenzregion dar. Die Stadt Szczecin - die Hauptstadt eines geografischen Gebietes von West- und Ostpommern - nimmt ihre Funktion als grenzüberschreitendes überregionales Zentrum wahr und zeichnet sich als attraktiver Wohn- und Arbeitsstandort für die Bewohner auf der deutschen und auf der polnischen Seite aus. Zusätzliche Anziehungskraft gewinnt die Stadt aus ihrem attraktiven Einzelhandelsangebot. Die gemeinsame Wirtschaftsregion nutzt ihre Standortfaktoren bzw. Potenziale und etabliert sich als Brückenbauer nach Mitteleuropa in einer boomenden Ostseeregion. über den Hafen Szczecin/Swinoujscie sowie den Verkehrskorridor Via Haseatica erfolgt der Im- und Export von Handelsgütern in Richtung Skandinavien und Baltikum. Gefördert wird die wirtschaftliche Entwicklung des Grenzraumes durch die Stärkung der Forschungsstandorte in der Region. In Kooperation mit dem internationalen Wissenschaftsstandort Berlin entwickelt sich die Stadt zum überregionalen Forschungs- und Kongressstandort im südlichen Ostseeraum. Im Grenzraum werden Kontakte und Kooperationen in der grenzüberschreitenden Urlaubsregion Ostseeküste auf- bzw. ausgebaut. Es erfolgt eine gemeinsame Vermarktung der Urlaubsregion im Rahmen eines Touristikentwicklungskonzeptes, dessen Bestandteile ein Wassertourismuskonzept an der Oder und am Stettiner Haff sowie gemeinsame Standards fr den Qualitätstourismus sind; die Städte und Gemeinden profitieren von der grenzenlosen Mobilität der Gäste und Besucher. Die Belange der Umwelt werden durch die Festlegung von grenzenlosen Naturschutzgebieten, mit den gleichen Schutznormen und -weisen berücksichtigt. Es werden gemeinsame Zonen und gemeinsame thematische Naturparks auf beiden Seiten geschaffen. Die positive wirtschaftliche Entwicklung steigert die Attraktivität des Grenzraumes als Wohn- und Arbeitsstandort und stoppt die Abwanderung in Mecklenburg-Vorpommern. Eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung dieses Szenarios ist die stärkere Integration der beiden Regionen auf der politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und rechtlichen Ebene. Eine weitere wichtige Bedingung ist der Abbau von Mentalitätsunterschieden sowie von Vorurteilen in den Bevölkerungsschichten der Region.
Strategie Eine Voraussetzung für die gemeinsame Region ist die Intensivierung der vorhandenen Verflechtungen. Ein Ziel besteht darin bis in das Jahr 2020 einen Zustand zu erreichen, der es der gemeinsamen Region ermöglicht im Wesentlichen von überregionalen finanziellen Transferleistungen unabhängig zu sein. Angestrebt wird eine Region, die sich in einem permanenten Umbauprozess befindet und insbesondere die Chancen von großen Landschaftsräumen mit einer geringen Bevölkerungsdichte und attraktiven Kleinstädten nutzt. Die Umsetzung des Vorzugsszenarios erfordert eine Gleichberechtigung der Handelnden auf deutscher und polnischer Seite sowie ein klares Bekenntnis der politischen Akteure auf regionaler und kommunaler Ebene zur Bildung einer gemeinsamen Region. Das vorliegende Gutachten bildet den ersten konzeptionellen Baustein zur Entwicklung einer gemeinsamen Region und soll nunmehr - auch zur Erhöhung der Transparenz - einzelnen Fachgremien, den Kommunen sowie der Bevölkerung vorgestellt werden. Insbesondere durch die Diskussionen in Fachgremien in den Handlungsfeldern Wirtschaft, Hochschulen und Tourismus kann eine Qualifizierung von sektoralen Zielstellungen zur Entwicklung einer gemeinsamen Region erfolgen. Die Verwirklichung einer gemeinsamen Region erfordert eine Strategie, die die Raumordnung in die Lage versetzt auf den Ebenen Steuerung, Akteure, Begegnungen Maánahmen zu benennen und Strukturen zu initiieren, die zu einem gemeinsamen Handeln führen. Auf der Ebene Steuerung wird folgendes angestrebt: * Monitoring: Beobachten inwieweit es auf dem Weg zur gemeinsamen Region zu Abweichungen auf den Ebenen Begegnungen und Handlungsfelder kommt * Raumbeobachtung: Erarbeitung einer gemeinsamen Datenbasis * Strukturanalyse: Akteure und Institutionen - Benennung von Kernkompetenzen * Austausch mit Partnern: Vergleichsregion Golf von Biskaya Auf der Ebene Akteure/Institutionen ist folgendes erforderlich: * Weiterführung der deutsch-polnischen Expertenkommission für Arbeitsmarkt und Wirtschaft * Durchführung von Stadt- und Fachkonferenzen (Wirtschaft, Hochschulen, Tourismus) * Einführung einer deutsch-polnischen Raumordnungskonferenz * Etablierung von Städtenetzen * Stärkung des deutsch-polnischen Hauses der Wirtschaft als Kompetenzzentrum Baltic Sea * Gründung einer Baltic-University * Schaffung eines gemeinsamen Tourismusverbandes Zur Schaffung einer gemeinsamen Identität bzw. zum Abbau von Mentalitätsunterschieden ist die Ebene Begegnungen zu stärken bzw. weiter auszubauen: * Sprachprogramme, * Städtepartnerschaften, * Kulturveranstaltungen, * Schüleraustausch.
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