Die Stadt Bad Nauheim als bedeutendes Zentrum der Region Wetterau hat mit der Entwicklungs- und Flächennutzungsplanung die städtebaulichen und funktionalen Leitlinien für die künftige Entwicklung der Stadt neu definiert. Bad Nauheim befindet sich inmitten eines gravierenden Umstrukturierungsprozesses. Bereits im Rahmen der bestehenden Flächennutzungsplanung von 1985 wurden die aus der Kurkrise resultierenden Rückgänge im Fremdenverkehrsbereich und die daraus erwachsenden Strukturprobleme für die Stadt hervorgehoben. Die seither durchgeführten Maßnahmen zur Gegensteuerung wie etwa eine verstärkte Wirtschaftsförderung konnten zwar erste Zeichen setzten, insgesamt aber die bestehenden und sich weiter verschärfenden Probleme nicht lösen. Die für den Strukturwandel wichtige Ansiedlung hochwertiger Gewerbebetriebe erfolgte bisher nur zögerlich. Die Einzelhandelsstruktur ist durch erhebliche Defizite gekennzeichnet. Bad Nauheim weist eine im Landes- und bundesweiten Vergleich niedrige Kaufkraftbindung auf. Die aktuell vollzogene Auflösung des Hessischen Staatsbades bildet gegenwärtig den Hintergrund, vor dem sich die dringend erforderliche Diskussion um eine zukunftsfähige Entwicklung der bisherigen Kurstadt im Grünen vollzieht. Die Frage, inwieweit neue Formen des Gesundheitstourismus die Lücken ausfüllen können, die der klassische Kurbetrieb hinterlässt, werden dabei ebenso diskutiert wie eine durchgreifende Neuorientierung Bad Nauheims zum modernen Gewerbe- und Technologiestandort. Liegt die Chance zur nachhaltigen Entwicklung im Bewahren klassischer Vorbilder des historischen Kurorts oder im Beschreiten urbanistischen Neulandes?
Die gegenwärtige Lage erfordert in jedem Fall neue und umfassende Perspektiven der gesamtstädtischen Entwicklung und stellt neue Fragen an die Planung. Es geht in Zukunft voraussichtlich weniger um die Steuerung rein quantitativer Wachstumsprozesse sondern verstärkt darum, inhaltliche Leitplanken für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung zu entwerfen und in einen flexiblen Handlungsrahmen einzuspielen. Was sind Ankerpunkte künftiger Identität in Bad Nauheim? Wie sieht ein tragfähiges Leitbild für die Entwicklung der Stadt aus? Vor dem Hintergrund dieser Fragestellungen ändern sich die Anforderungen an die Stadtentwicklungsplanung. Es reicht nicht länger aus, mit dem Flächennutzungsplan ein statisches Bild zu entwerfen und anschließend mit Hilfe der traditionellen Instrumente zu versuchen, den vorgezeichneten Endzustand auszufüllen. Die Räumliche Entwicklungsplanung/ Flächennutzungsplanung für die Stadt Bad Nauheim beschränkt sich daher nicht auf die reine Flächenausweisung, sondern zeichnet eine konzeptionelle Perspektive der Stadtentwicklung für die nächsten 20 Jahre vor. Neben den geänderten Anforderungen an das Planwerk wird die Novellierung auch vor dem Hintergrund des neuen Ballungsraumgesetzes erforderlich. Die erarbeitete Entwicklungsplanung als informelles Planwerk berücksichtigt in der methodischen Herangehensweise den Bedarf nach einem situationsbezogenen und bedürfnisorientierten Planungshandeln und zeichnet sich durch die folgenden Grundsätze aus:
Zeitparallele Erarbeitung Im Vergleich zur klassischen Methodik ist die Entwicklungsplanung Bad Nauheim von einer frühzeitig und intensiv geführten konzeptionellen Diskussion geprägt. Bereits während der Erarbeitung der Analyseteile wurden parallel erste Leitmodellansätze vorgestellt und mit den beteiligten Gremien aus Politik, Verwaltung und Bürgerschaft erörtert. Die gewonnenen Erkenntnisse konnten anschließend wiederum in den Erarbeitungsprozess einfließen. Diskursiver Planungsprozess Die Arbeitsstände der Entwicklungsplanung wurden in regelmäßigen Abstimmungsrunden mit Politik, Experten, Fachämtern und der Lokalen Agenda diskutiert, um frühzeitig Konsens über die wichtigsten konzeptionellen Inhalte zu erlangen. Die Arbeit ist als offenes Planwerk angelegt, in das während des gesamten Erarbeitungszeitraums Diskussionsergebnisse und Änderungen eingearbeitet werden können. Hierzu zählt, dass Pläne und Texte auch im laufenden Verfahren ergänzt und aktualisiert werden. Kompakte Stärken-Schwächen-Analyse Dem konzeptionellen Charakter der Entwicklungsplanung entsprechend ist die Situationsanalyse als Stärken-Schwächen Profil aufgebaut, in dem die wichtigsten Potentialbereiche für die räumliche Entwicklung übersichtlich herausgearbeitet werden. Die Ergebnisse werden in einem vergleichenden Qualitätsprofil dargestellt. Der Schwerpunkt der Analyse liegt weniger auf einer möglichst vollständigen Abarbeitung aller Daseinsgrundfunktionen als vielmehr auf der zielgenauen Bennennung räumlicher und funktionaler Entwicklungstrends (Trendanalyse). Die Analyseergebnisse basieren in vielen Fällen auf fachlich planerischen Einschätzungen der Verfasser, die anschließend in den beteiligten Gremien auf ihre Konsensfähigkeit überprüft, eingehend diskutiert und gegebenenfalls überarbeitet wurden.
Konzeptionelles Leitbild Das Leitbild bündelt die inhaltlichen Aussagen der Entwicklungsplanung und überträgt sie in eine räumliche Konzeption. Die grafische Darstellung ist im Vergleich zum Flächennutzungsplan stärker abstrahiert und ermöglicht daher, die wesentlichen Grundzüge der räumlichen Entwicklung klar zu veranschaulichen. Im Vorfeld der Leitbilderarbeitung wurden Szenarien zur räumlichen Entwicklung diskutiert, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte thematisieren und die Bandbreite möglicher Entwicklungstendenzen in Bad Nauheim aufzeigen. Das Leitbild stellt die wesentlichen Grundqualitäten, die im Rahmen der Stadtentwicklung erreicht werden sollen, räumlich dar. Es bildet damit eine Plattform für die weitere Ausgestaltung des wirtschaftlichen, städtebaulichen und kulturellen Strukturwandels in Bad Nauheim. Folgende inhaltliche Schwerpunkte stehen dabei als Leitplanken der räumlichen Entwicklung im Mittelpunkt: Die kompakte Stadt stärken! Ein grünes Rückgrat aufbauen! Stadtnahes Wohnen ermöglichen! Die Wettertalgemeinden arrondieren! Verträgliches Gewerbe integrieren!
Flächennutzungsplan mit integriertem Landschaftsplan Die im Rahmen der Entwicklungsplanung erarbeitete stadträumliche und inhaltliche Konzeption für die Stadt Bad Nauheim sind weitestgehend in die Darstellungen des Flächennutzungsplans eingeflossen. Um dies zu gewährleisten wurden bei der Erarbeitung des FNP folgende Grundsätze angestrebt: Umsetzung des Räumlichen Leitbildes Die innerhalb der Leitbildentwicklung erarbeitete kompakte und zusammenhängende Siedlungsstruktur wurde bereits der Zuwachsflächendiskussion des FNP zugrundegelegt und mit den vorgenommenen Ausweisungen von Siedlungserweiterungsflächen sowie prägenden Freiraumstrukturen möglichst eng umgesetzt. Im Vordergrund steht dabei weniger die quantitative Ausweitung der Siedlungsfläche als vielmehr eine räumlich qualifizierte, die inneren Potentiale der Stadtentwicklung betonende Flächennutzungsplanung. Der FNP 2005 bleibt in der Größe der Zuwachsflächen unterhalb der Zahl der im alten FNP dargestellten Flächen. Konzeptionelle Anlage eines zentralen Erlebnisbandes im FNP Die Zusammenführung und inhaltliche Vernetzung der bestehenden innerstädtischen Park- und Freiraumstrukturen mit neuen Nutzungsvorstellungen bildet eine zentrale Aussage der räumlichen Entwicklungsplanung und wurde daher möglichst weitreichend in den Darstellungen des FNPs verankert.
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